Zwei Berliner an der Thuner Lakeside Challenge

RalfNeff1Ralf Neff (Bild links) sitzt auf der Zuschauertribüne der Sporthalle Lachen. Genüsslich nippt er am Becher mit heissem Kaffee. Sei Blick hängt an Stefan Kurth, dem Schiedsrichter auf dem Feld. «Doch, der Stefan hat die Juniorenpartie, zusammen mit Andreas Schwarzmeyer, souverän geleitet», wird er mir später sagen. Das Lob kommt von einem fachkundigen Mann. Ralf Neff, um die 50 herum, pfeift vorwiegend Handballspiele in Berlin. Am Wochenende weilte er mit seinem Schiedsrichterpartner Ole Westermann (25) in Thun, um an der Lakeside-Challenge mehrere der U17- und U19-Spiele zu leiten.

Wie kommen zwei Berliner nach Thun? «Ganz einfach», erklärte Ole Westermann bei unserem kurzen Gespräch, «mit Flugzeug und Auto.» Klar, so geht das. Ich kam mir vor wie ein Depp. Denn eigentlich wollte ich fragen: Warum kommen zwei Berliner nach Thun an die Lakeside-Challenge? Das WIE war mir rausgerutscht – ganz selbständig. Ich musste subito eine intelligentere Formulierung finden, damit mich die beiden nicht als Vollpfosten wahrnehmen. Also: «Wie kommt es, dass zwei Berliner Schiedsrichter an der Thuner Lakeside-Challenge Juniorenspiele leiten?» «Ach so, das wolltest Du in Erfahrung bringen», meinte darauf Ralf Neff, und lächelte. Ja genau, das wollte ich wissen. Und Ole Westermann begann: «Geholt hat uns Stefan Kurth. Wir kennen uns vom Osterturnier in Berlin. Stefan hat bereits dreimal bei uns gepfiffen.» In diesem Frühling habe Stefan bei Ralf Neff angeklopft und gefragt, ob das Thuner Turnier eine Reise wert wäre. Die Antwort kam postwendend: Ja klar, wenn es sich einrichten lässt, sei er das ganze Wochenende dabei.

Osterturnier in Berlin. Noch nie gehört. Also suchte ich Stefan, um mich aufklären zu lassen. Oh ja – der Berliner Handball Ostercup, begann er mit dem Schwärmen. Heuer waren es 77 Mannschaften in neun Hallen. International. Riesig. Beide Geschlechter, alle Altersklassen. Bombastisch. Ole Westermann amte als Sportlicher Leiter des Monsteranlasses. Aha! Wie zum Kuckuck kommt ein Schweizer Schiedsrichter nach Berlin? Du, als geneigter Leser, ahnst es. Nein, diese Frage habe ich nicht gestellt. Nicht schon wieder. Stefan ist bestimmt nach Berlin geflogen. Eben. Aber: Wie kam Stefan Kurth dazu, bei so einem grossen Anlass mitzuwirken? Er habe vor drei Jahren schlicht Lust gehabt, einmal im Ausland ein Turnier zu pfeifen. Also setzte er sich an den Computer und begann mit der Suche nach entsprechenden Möglichkeiten. Bei Berlin hat’s Klick gemacht. Erstens wegen der Stadt, weil er «noch nie da war» und zweitens wegen des Ostercups. Per E-Mail ging seine Bewerbung an Turnierleiter Westermann. Dieser hat ihn kurz darauf «mit herzlichem Gruss» eingeladen. Das war der Anfang einer Freundschaft. Alleine konnte Kurth die Spiele allerdings nicht arbitrieren. Dazu benötigte er seinen Partner Andreas Schwarzmeyer. Viel Überzeugungskraft war anscheinend nicht nötig gewesen. Andreas hüpfte freudig in das Abenteuer.

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Ole Westermann (links) und Ralf Neff machen sich für das nächste Spiel parat.

Zurück zu Ralf und Ole. Das Gespann befindet sich mittlerweile auf dem Feld. Es läuft die U17-Partie TSV Fortitudo gegen HSG Nordwest. Westermann und Neff verstehen sich gut. Untereinander kommunizieren sie lautlos – mit Gesten. So, als wären sie seit Jahren ein Team. Dem ist nicht so. Ole Westermann hat seit gut zwei Jahren kein Spiel mehr geleitet. Ihm fehlt einerseits die Zeit dazu, andererseits zwang ihn eine Knieverletzung zum Abbruch der Karriere. Das Thun-Engagement nahm er trotzdem und sehr kurzfristig an, weil Neff’s regulärer Partner aus familiären Gründen in Berlin bleiben musste. Ihm war das abgegebene Versprechen seines Freundes Ralf wichtig genug, um hurtig den Freitag (Anreisetag) frei zu nehmen und die Sportschuhe zu schnüren. So stell ich mir einen Kumpel vor.

Die beiden Berliner bieten eine solide Leistung. Routiniert, ruhig und bestimmt, ja bündig, begründen sie jeweils ihre Entscheide. Und das über die ganze Turnierdauer. Zu Hause würden die Spiele hektischer, emotionaler ablaufen, erklären sie mir. Das Gemotze der Spieler, und von der Bank, sei richtig penetrant. Es gäbe kein Spiel ohne gelbe Karten für die Trainer. Auch darum haben sie die Atmosphäre in Thun als wohltuend empfunden. «Das hat wieder einmal richtig Spass gemacht», loben beide wie aus einem Munde. Um mir meine Meinung über die Leistung der deutschen Schiedsrichter bestätigen zu lassen, habe ich zwei kritische Geister konsultiert. Marcel Gasser, Mitorganisator des Turnieres, mit jahrelanger Erfahrung als Trainer, sind die Gastschiris kaum aufgefallen. Gut so, denn über die Spielleiter wird in der Regel nur diskutiert, wenn sie Scheisse pfeifen. Auch Rolf Fluri, ein Mann der klaren Worte und seit 38 Jahren im Trainergeschäft tätig, sieht keinen Grund zum Nörgeln: «Die haben genauso gut gepfiffen wie unsere eigenen Leute.» Aufgefallen sei ihm lediglich die «grosse Ruhe», mit der Neff und Westermann agiert haben.

Bleibt noch eine Frage: Ist die Verpflichtung von ausländischen Unparteiischen nicht sauteuer, vielleicht sogar zu teuer für die Lakeside Challenge? Turnierleiter Stefan Huber schüttelt den Kopf. «Nein, die kriegen den gleichen Ansatz wie die Einheimischen. Nämlich 100 Franken für einen ganzen Tag. Pro halben Tag gibt es 60 Franken. Und das inklusive Spesen.» Auch Stefan Kurth schmunzelt: «In Berlin habe ich 70 Euro für zwei Tage erhalten, Reise und Unterkunft musste ich selber bezahlen.» Das sei halt so. Bei Ralf und Ole sei dies ähnlich. Ein extra Reisegeld wäre zwar schön, jedoch nicht realistisch. «Ich habe die Beiden bei mir zu Hause in Kirchberg einlogiert, so entfallen wenigstens die Übernachtungskosten.»

So sind Schiedsrichter im Handball; aus purer Freude am Sport und aus Freundschaft fliegen die Jungs an einem Wochenende über 1300 Kilometer, um reich an Erfahrung wie Eindrücken zu sagen: «Tschüss, wäre schön, wenn wir uns im nächsten Jahre wieder sehen könnten.»

Stefan Kurth ist 1.-Liga-Schiedsrichter und beim Verband für die Einteilung der Schiedsrichter im Breitensport zuständig. In dieser Funktion hat er auch die Unparteiischen der Lakeside Challenge zugeteilt.

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Vier Schiedsrichter, vier Freunde. Vlnr: Andreas Schwarzmeyer, Ralf Neff, Ole Westermann, Stefan Kurth. Bilder und Text: Roland Peter